Schwarzes Hamburg > Schwarze Szene -Archiv-
Lieber schwarz oder schwarzbunt oder was?
messie:
Candide hat da einen interessanten Punkt angesprochen: Ein Gleich-Sein (z.B. "schwarz", "goth" oder wie auch immer man dem Kind einen Namen gibt) als Zweck des Andersseins ist eigentlich ein Widerspruch in sich.
"Ich bin ganz individuell, ABER ich bin schwarz" - eigentlich geht das garnicht zusammen.
Aber es funktioniert. - Warum?
Weil eben doch jeder seine eigene Geschichte hat. Jeder ist anders in die "schwarze Szene" gekommen, hat eine andere Lebensgeschichte und -das haben die meisten dieser "Szene" gemeinsam - bereits einiges nicht Schönes hinter sich.
Und so begibt es sich, dass sich eine Gemeinschaft bildet, in der man sich fieberhaft darum bemüht, nicht dem Gruppenzwang der Gesellschaft zu erliegen, "normal", "anpassungsfähig", "formbar" zu sein und gemeinsam dagegen zu kämpfen. Aber wie es eben überall ist .. eine Gemeinschaft, und sei sie auch noch so klein, braucht Regeln, um dauerhaft funktionieren zu können. Und so bilden sich schleichend doch ungeschriebene Gesetze heraus.
Und auf die Eingangsfrage bezogen: Eine ganze Weile war "ich bin schwarz" ein Statussymbol, eine Aussage, auf die man stolz sein konnte. Gerade diejenigen, die aus der Punkszene in die "schwarze Szene" wechselten, sagten dies mit Bedacht.
Mittlerweile hat sie aber allmählich den Beigeschmack der Elitebildung angenommen: Aha, Du bist "schwarz", hälst Dich dann wohl für was besseres, ist da zu hören...
Und so kommt es, dass auf einmal immer öfter die Ablehnung des Schwarzen geschieht: "Klar, meine Lebenseinstellung ist "schwarz", aber eigentlich bin ich "schwarz-bunt" ".
Ich finde diese Entwicklung sehr interessant. Und frage mich auch, was wohl noch kommt? Was für Attribute wird diese Szene noch entwickeln, nachdem sich die Attribute "Waver", "Goth", "Schwarze" und "Grufties" allmählich abnutzen?
Nun, wie schrieb Ecki Stieg mal so schön: Diese Szene ist nicht totzukriegen. Denn sie hat ja nicht einmal einen Namen...
Darkchris:
ich glaube besser kann ich es auch nicht schreiben!
ich habe ja weiter oben auch schon geschrieben das ich sehr tolerant zu anderen "nicht schwarzen" bin und wer mich kennt(kennst mich ja nicht) kann das wohl auch bestätigen... dadurch bin ich ja auch nicht im im harten kern sondern kraze auch nur da so oben rum ! :D
bei der definition von schwarz und schwarzbunt (nicht die kuh) dreht man sich wohl immer im kreis weil es wohl keine richtig definitive antwort gibt... oder ? :roll:
colourize:
Ich glaube die Diskussion geht am eigentlichen Thema vorbei. Es ist ja nicht so als dass die Klamotten der Kern der "Subkultur" wären. Klamotten, Haarschnitt, Musik u.s.w. sind nur der äußerlich sichbare Ausdruck einer Subkultur. Durch Kleidung, Haarschnitt, Musik etc. wird nach außen eine Abgrenzung zu anderen (sub-)kulturellen Strömungen vermittelt und nach innen eine gewisse Zusammengehörigkeit einer Szene suggeriert und ständig durch gegenseitige Bestätigung auf Parties und Festivals erneuert. (Bei aller internen Heterogenität, auf die Candide schon hingewiesen hat.)
Wenn man dem eigentlichen Kern der Subkultur nachspüren will, sollte man sich anschauen, was Kulturen eigentlich ausmacht. Kulturelle Praxis besteht im Wesentlichen aus Verhaltensnormen und Wertorierntierungen. Subkulturen unterscheiden sich von den Kulturen, in die sie eingebettet sind dadurch, dass bestimmte Normen und Werte der umfassenden Kultur verändert bzw. nicht anerkannt werden und andere Normen dafür gelten und abweichende Wertorientierungen etabliert sind.
Dass es einen normbasierten subkulturellen Unterschied der "Schwarzen Szene" von anderen Szenen gibt, lässt sich z.B. an Verhaltensregeln erkennen. Und in der Tat gelten auf Gothicparties andere Spielregeln als auf "normalen Parties", wer's nicht glaubt der beobachte bitte mal das Baggerverhalten von "verirrten Bunten" auf schwarzen Parties. Alternativ: Einfach mal montags ins Kir gehen und zählen, wieviele Ellenbogenhiebe man auf der Tanzfläche abbekommt - und diese Quote dann mal bitte mit ner gut besuchten Creatures-Samstagsparty vergleichen.
Auch ein prima Indikator: Man frage mal einfach einen Security-Mitarbeiter, ob er lieber auf dem Mera Luna oder lieber auf dem Rock am Ring Schicht schiebt.
Kleidungsstil und andere Äußerlichkeiten sind als Versuch zu sehen, die Subkultur sozial zu schliessen. Oder, wie Soziologen sagen, um Kohärenz zu erzeugen. Man muss ja schließlich wissen, wer "dazugehört" und welche kulturellen Handlungspraxen von seinem Gegenüber erwarten darf.
Und, ums rundzumachen, gleich noch eine Erklärung für den "Pseudo": Der "Pseudo" ist der "kulturelle Abweichler der Subkultur", d.h. er suggeriert nach außen, die subkulturelle Praxis zu beherrschen (Kleidungsstil), verhält sich aber nicht der subkulturellen Norm entsprechend.
DarkAmbient:
Ich sehe die Uniformierung nicht notwendig als Paradox. Individualität und Homogenität bedingen einander -- das eine wäre ohne das andere nicht verständlich. Das glit für Kleiderordnungen genauso wie für andere Normen. Damit Freiheit einen Wert hat, muss es Begrenzungen geben.
Eine Ausnahme unter den Styles bildet der Pop, der sich ständig parasitär bei verschiedensten Subkulturen bedient. Als Grenzgänger der eigenen Subkultur (das verstehe ich unter schwarzbunt) besteht die Kunst darin, zu versuchen in eine andere Subkultur hineinzufühlen und die Codes dort einigermaßen zu verstehen, ohne in den Pop reingesogen zu werden, d.h. nur oberflächlich mit den symbolischen Formen verschiedener Subkulturen zu spielen und so Klischees zu reproduzieren. Das meinte ich, als ich weiter oben im Thread Eklektizismus schrieb.
Mit Übersteigung meine ich das 'woanders reinfühlen'. Z.B. habe ich hohe Achtung vor den visuellen Ausdrucksformen der Hiphopper, den Graffiti, deren Ansatz sich in doppelter Weise gegen das Bestehende wendet: einmal durch die Nutzung des öffentlichen Raums ohne große Rücksicht auf die allgemeine Eigentumsordnung und außerdem indem Buchstabenformen bis an die äußerste Grenze aufgelöst werden. Es gibt selten, aber immer mal wieder, 'gothic' Styles und Motive, wo sich mal ein Grufthopper zu schaffen gemacht hat, worüber ich mich dann immer ganz besonders freue. Das sind für mich die Helden unter den Grenzgängern, die sich auf eine erfreuliche Weise aus der Borniertheit ihrer eigenen Subkultur gepellt haben, ohne in den Mainstream abzugleiten.
Mein Fazit: Schwarzbunt ja, wenn Du es kannst!
Um nochmal genau auf Deine Frage zurückzukommen, lieber messi: Ich bezeichne mich weder als schwarz noch als schwarzbunt, weil sich solche verallgemeinernden Attribute für einen Schwarzen selbstverständlich von allein verbieten. :)
Candide:
--- Zitat von: "colourize" ---Und, ums rundzumachen, gleich noch eine Erklärung für den "Pseudo": Der "Pseudo" ist der "kulturelle Abweichler der Subkultur", d.h. er suggeriert nach außen, die subkulturelle Praxis zu beherrschen (Kleidungsstil), verhält sich aber nicht der subkulturellen Norm entsprechend.
--- Ende Zitat ---
Also die Subkultur der Subkultur? Es ist doch einfach albern, wenn Leute, die es sich zum Ziel machen, sich einer Norm zu widersetzen, wenn also eben diese Leute dritten vorwerfen sie würden sich widerrum ihren Normen nicht anpassen. Wer stellt die "subkulturellen Normen" auf, und ist dafür zuständig, sie zu überwachen? :wink:
--- Zitat ---Ich sehe die Uniformierung nicht notwendig als Paradox. Individualität und Homogenität bedingen einander -- das eine wäre ohne das andere nicht verständlich. Das glit für Kleiderordnungen genauso wie für andere Normen. Damit Freiheit einen Wert hat, muss es Begrenzungen geben
--- Ende Zitat ---
Womit wir schon hart an der existenzialistischen Psychologie, irgendwo zwischen Heidegger, Sartre und Jung, vorbeischrammen. Jung führte - soweit ich weiss - als erster die Differenzierung zwischen Individuation und Individualisierung ein, und das trifft zufällig genau das Thema; Individuation ist die Herrausbildung einer eigenen Persönlichkeit im Rahmen der Sozialisierung des Erwachsenen, Individualisierung sehe ich als narzißtischen Selbstverwirklichungstrip besonders im Anschluss an die Pubertät: "Individualismus ist ein absichtliches Hervorheben und Betonen der vermeintlichen Eigenart im Gegensatz zu kollektiven Rücksichten und Verpflichtungen. [...] Während im Prozeß der Individualisierung alles aus Selbst-Zweck geschieht,, vernachlässigt eine gelungene Individuation nicht die Interessen und Bedürfnisse des einzelnen [...]. Eine gelungene Individuation ermöglicht es einem Menschen, authentisch zu leben"
--- Zitat ---Eine Ausnahme unter den Styles bildet der Pop, der sich ständig parasitär bei verschiedensten Subkulturen bedient.
--- Ende Zitat ---
Bzw. der Ausverkauf der Subkulturen an den Pop, etwas, das meine geliebten Chicks On Speed hervorragend persiflieren. Ich habe mal einen Vortrag von Prof. Franz Liebl (Aral Lehrstuhl für strategisches Marketing) über die Chicks On Speed gehört, da unterschied er zwischen drei Arten des Subkultur/-Pop Ausverkaufs, die für mich alle drei auf alles von Pitchfork bis Lacrimosa zutreffen:
"
* Erstens der sogenannte "Abandon Sell-Out". Hier wirft der Künstler seinen bisherigen Bohème-Lebensstil und seine althergebrachten Glaubensgrundsätze über Bord, um nunmehr mit Mainstream Geld zu verdienen.
* Zweitens der sogenannte "Exploit Sell-Out". Hier werden Bohème-Lebensstil und künstlerische Ausdrucksformen im Prinzip in den Mainstream hinübergerettet – allerdings mit dem Ziel, mit einer gefälligeren Weichspülerversion derselben Geld zu machen.
* Drittens der sogenannte "Poser Sell-Out". Er funktioniert umgekehrt. Vertreter des Mainstream adaptieren bestimmte kulturelle Überformungen der Subkultur, um damit Trendiness zu simulieren.
"
Im übrigem schon hinreichend amüsant, das sich der "Aral Lehrstuhl für strategisches Marketing" intensiv mit den Chicks On Speed beschäftigt... :wink:
Zum Thema CoS und "Cultural Hacking" guckste hier: http://notesweb.uni-wh.de/wg/wiwi/wgwiwi.nsf/name/BREZN-DE - besonders schön sind die "Rules for Breaking the Rules" ganz am Ende des Vortrages.
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