Schwarzes Hamburg > Schwarze Szene -Archiv-
Lieber schwarz oder schwarzbunt oder was?
olli:
farben gehören verboten. buntvolk gehört ein- oder zumindest ausgesperrt.
colourize:
--- Zitat von: "Candide" ---
--- Zitat von: "colourize" ---Und, ums rundzumachen, gleich noch eine Erklärung für den "Pseudo": Der "Pseudo" ist der "kulturelle Abweichler der Subkultur", d.h. er suggeriert nach außen, die subkulturelle Praxis zu beherrschen (Kleidungsstil), verhält sich aber nicht der subkulturellen Norm entsprechend.
--- Ende Zitat ---
Also die Subkultur der Subkultur? Es ist doch einfach albern, wenn Leute, die es sich zum Ziel machen, sich einer Norm zu widersetzen, wenn also eben diese Leute dritten vorwerfen sie würden sich widerrum ihren Normen nicht anpassen. Wer stellt die "subkulturellen Normen" auf, und ist dafür zuständig, sie zu überwachen? :wink:
--- Ende Zitat ---
Nein, falsch verstanden: Nicht die Subkultur der Subkultur, sondern die Adaptation subkultureller Styles ohne Integration in subkulturelle Normen.
Subkulturelle Normen werden auch von Niemandem "aufgestellt", sondern bilden sich mit der Zeit durch die kulturelle Praxis heraus und formen einen "Cultural Core". Die Überwachung erfolgt durch gemeinschaftliche Sanktion: Menschen, die sich nicht normkonform verhalten, werden mit Nichtbeachtung "bestraft".
colourize:
--- Zitat von: "Candide" ---(...) unterschied er zwischen drei Arten des Subkultur/-Pop Ausverkaufs, die für mich alle drei auf alles von Pitchfork bis Lacrimosa zutreffen
--- Ende Zitat ---
Ähhh... schließen die drei sich nicht gegenseitig aus? Wie kann auf eine Band alles zutreffen...?
M.E. ist Pitchfork ein gutes Beispiel für den "Abandon Sell-Out". Wobei ich zugegebener Maßen nicht so recht die "althergebrachten Glaubensgrundsätze" von Peter Spilles kenne.
Der "Exploit Sell-Out" scheint meiner Meinung nach die häufigste Form zu sein.. sehr gut nachzuvollziehen, wenn man sich die Studio-CD's von Apotheken Bezirk nacheinander in der Reihenfolge ihres Erscheinungsdatums reinzieht.
Für Nummer drei, den "Poser Sell-Out", gibt es sicher auch bessere Beispiele als die von Dir genannten. Mir fallen da als erstes Placebo und HIM ein.
Candide:
--- Zitat von: "colourize" ---
Subkulturelle Normen werden auch von Niemandem "aufgestellt", sondern bilden sich mit der Zeit durch die kulturelle Praxis heraus und formen einen "Cultural Core". Die Überwachung erfolgt durch gemeinschaftliche Sanktion: Menschen, die sich nicht normkonform verhalten, werden mit Nichtbeachtung "bestraft".
--- Ende Zitat ---
Was in der schwarzen Szene ja nun nur sehr bedingt funktioniert - die "Batcave'ler" bestrafen die Lack & Leder Fraktion, und die freut sich nicht etwa drüber, sondern die bestraft die Mittelalter-Hüpfer, die wiederrum die .... und ganz am Rande stehen die über 30jährigen und bestrafen mal kollektiv alle.
Die Szene war ist in trilliarden Sub-Szenen (Tribes) gespalten, und der Kern der Szene ist nur eine Farbe; schwarz. So, wie der Kern der Marke Aral "blau" ist. Ziemlich trivial, und vor allem gar kein echter Kern, sondern eher 'ne Oberfläche, oder?
Ich gebe Dir im Prinzip durchaus recht - doch diesen gewachsenen "Cultural Core" könnte man auch als "schwarzes Establishment" bezeichnen. Interessant und konstruktiv ist das Wachsen einer (Sub)Kultur, nicht sein reines Da-Sein als Dahinsiechen.
Was die Marke "Gothic" für alle hier interessant macht, ist in keinem Fall eben dieser Markenkern (sonst gäbe es die Frage, die diesem Thread zugrunde liegt, gar nicht), sondern nur das individuell in der Gruppe "Grufties" erlebte. Die tatsächliche Essenz der Szene sind also ihre Anhänger, ob "Pseudo" oder nicht, und keine Musik, keine Farbe, und schon gar kein immer wieder benanntes, aber nie konkretisiertes "schwarzes Lebensgefühl".
Die meisten von Dir angesprochenen "Pseudos" tun nichts anderes, als sich zunächst an das anzupassen, was sie an der Oberfläche wahrnehmen - freie Marktwirtschaft auf gruftisch: "Individualisierungsverlierer"; gib' ihnen Zeit. :twisted: :wink:
P.S.: was die Sell-Outs angeht: D'Accord.
DarkAmbient:
--- Zitat ---Womit wir schon hart an der existenzialistischen Psychologie, irgendwo zwischen Heidegger, Sartre und Jung, vorbeischrammen. Jung führte - soweit ich weiss - als erster die Differenzierung zwischen Individuation und Individualisierung ein, und das trifft zufällig genau das Thema; Individuation ist die Herrausbildung einer eigenen Persönlichkeit im Rahmen der Sozialisierung des Erwachsenen, Individualisierung sehe ich als narzißtischen Selbstverwirklichungstrip besonders im Anschluss an die Pubertät: "Individualismus ist ein absichtliches Hervorheben und Betonen der vermeintlichen Eigenart im Gegensatz zu kollektiven Rücksichten und Verpflichtungen. [...] Während im Prozeß der Individualisierung alles aus Selbst-Zweck geschieht,, vernachlässigt eine gelungene Individuation nicht die Interessen und Bedürfnisse des einzelnen [...]. Eine gelungene Individuation ermöglicht es einem Menschen, authentisch zu leben"
--- Ende Zitat ---
Hi Candide! Ich meinte das garnichtmal existenzphilosophisch, sondern hatte eher die Gegenfraktion im Sinn. Ich glaube nicht an Sachen wie Authentizität, seinem eigenen eigentlichen Wesen entsprechen, etc.
Was würde 'gelungene Individuation' in Bezug auf die schwarze Szene bedeuten? Der perfekte, absolut authentische Gruftie zu werden? Das kann es doch nicht sein, oder?
Richtig ist, dass die Subjektwerdung im Allgemeinen einem Fremdzweck dient. Meist aber was wie: Du sollst hier funktionieren! Daher mein Grundmisstrauen gegenüber fast aller Psychologie. (Nicht, dass man sie nicht brauchen würde, wenn mal garnichts mehr geht.)
Da ist mir der narzisstische Selbstzweck dann doch lieber und zwar in etwa auf diese Art: "Handle so, dass deine Handlung zur Erreichung autonomer, nicht-verdinglichter Praxisformen erforderliche Voraussetzungen schafft und in der historisch möglichen Vielfalt von selbstzweckhaften Handlungen eine persönliche Identität entwickelt." (frei nach Georg Lukács)
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