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Siechenland?

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Ujigami:
Es geht ja jetzt so: Einer macht Schulden und alle zusammen müssen sie zurückzahlen. Das ist so, als ob ich einen Fernseher kaufe und meine Nachbarn sich an der Rechnung beteiligen müssen...

Wir haben uns jetzt implizit verpflichtet, auch ohne dass unser Volk es will allen andern Ländern, die in der Bredouille stecken, Geld zu leihen, auch wenn sich die anderen, hier das griechische Volk, das gar nicht wollen. Wir machen das auch, wenn es niemals zu einer Rückzahlung kommen kann und wir die anderen und uns selbst nur immer tiefer in den Morast fahren. Das tun wir selbst dann, wenn wir uns von einer extremistischen Partei vorführen und beschimpfen lassen.

Der Spaß geht aber eigentlich erst richtig los, wenn so langsam durchsickert, dass Italien der nächste Pleitekandidat ist....

Wir leben in spannenden Zeiten!

CommanderChaos:

--- Zitat von: Ujigami am 17 Juli 2015, 21:53:12 ---Wir leben in spannenden Zeiten!

--- Ende Zitat ---

"Mögest du in interessanten Zeiten leben", wie die Chinesen angeblich zu jemandem zu sagen pflegen, den sie nicht mögen. Das einzig Positive daran ist: vielleicht geht diese kaputte Welt jetzt endlich unter und danach kommt etwas Vernünftigeres. Und wir singen im Atomschutzbunker.. *sing*

Schattenwurf:
Naja Ujigami das ist etwas kurz gehüpft *find*
Es ist ja nunmal so das wir ein massiven Exportüberschuss haben jedes Jahr ... und Jahr für Jahr ...
2014 waren es *moment google* ...
"Deutschland hat 2014 mit einem neuen Rekordwert den größten Exportüberschuss aller Länder erzielt.
Nach Berechnungen des Münchner Ifo-Instituts für die Nachrichtenagentur Reuters weist die sogenannte Leistungsbilanz ein Plus von 285 Milliarden Dollar auf."
...
jede Statistik ist natürlich geschönt etc. aber es geht nicht um die Zahl ... sondern um den reinen Fakt ...
wir exportieren weit mehr als wir importieren.

Die Differenz bekommen wir in?
Bekämen wir dafür Waren, wären das Importe und die Bilanz wäre ausgeglichen.
So ist es aber nicht. Wir bekommen ... Schuldscheinen ... ganz einfach. :>
Bleibt unsere Bilanz immer auf der Exportseite höher, bekommen wir nichts zurück, sondern stapeln vielmehr die Schuldscheine im Tresor.

Du kannst mal schauen wer Importweltmeister ist ... das könnte man dann auch Tributzahlungen nennen.
Aber das klingt zu sehr nach römischen Reich XD Faktisch ist es aber genau das. :D

Auch hinkt deine Analogie schon bei "Einer macht Schulden ... zurückzahlen"
Wer macht wo Schulden? ... und was passiert, wenn sie tatsächlich getilgt werden? :>

"Das ist so, als ob ich einen Fernseher kaufe und meine Nachbarn sich an der Rechnung beteiligen müssen..."
Können die in Hamburg und die Bewohner südlicher Bundesländer ein Lied von singen ...
Berlin kauft sich einen Fernseher ... ähhh Flughafen ... die anderen Zahlen ...
so ist das nunmal in einem gemeinsamen Währungsraum.
Das ist aber nichts neues ... das war schon bei Euroeinführung klar das es darauf hinauslaufen wird.
Dir nicht? Schade ... man darf dem Kohl nicht alles glauben. ;)
Blühende Landschaften ... und wird schon nichts extra kosten ... *lach*
wobei man darüber wenig findet, wenn man nach Zitaten von Kohl zu Zeiten der Wiedervereinigung sucht.

Der Euro ist wirtschaftlich für Deutschland ein mittelschweres Desaster ...
wobei man hier natürlich trennen muss ... deutsche Arbeitnehmer sind anders betroffen als zb. Kapitaleigner usw.
Der einzige sinnhafte Grund eine gemeinsame Währung zu haben ist tatsächlich das es die Länder verflechtet,
und alleine dadurch für mehr Stabilität und Zusammenhalt sorgt.
Natürlich doof wenn man diesen/den einzigen positiven Punkt dadurch negiert,
weil man als hoher Politiker von Grexit fasselt. ::)

Ujigami:
Also wenn man nicht mehr wirklich weiter weiss und einen die graue Theorie verlässt, hilft nur eines: Die Praxis.

Was den Fall Griechenland angeht, habe ich mich doch einfach mal für eine Inaugenscheinnahme entschieden. Also eigentlich war das Ziel meiner Reise der letzten Woche dorthin nicht, empirische Forschung zum Thema Politik und Gesellschaft zu machen. Aber es bietet sich als Nebenbeschäftigung an, wenn man an wunderbaren Stränden im himmelblauen Mittelmeer schwimmen geht, mit einem kräftigen Motorroller Land, Leute und natürlich Restaurants abgrast und das alles noch mit einer äußerst diskussionsfreudigen Begleiterin.

Wohin die Reise für das Land politisch geht, kann ich immer noch nicht sagen. Ich könnte hier jetzt viel spekulieren, warum das so ist - über Demokratieversagen, ein Versagen der Europäischen Institutionen oder darüber, wie sinnvoll es ist, sich selbst zum Sklaven unveränderbarer Verträge zu machen, so wie es 1914 mit der bedingungslosen Bündnistreue zwischen Österreich-Ungarn und Deutschland schon einmal der Fall war.

Das lasse ich aber, denn darüber habe ich keinerlei Erkenntnisse gewonnen. Worüber ich aber Erkenntnisse gewonnen habe, ist das griechische Volk. Den zahlreichen Bauruinen, die überall herumstehen, und den zahllosen abgemeldeten Autos am Straßenrand zum Trotz - die Griechen sind ein sehr fröhliches und gut gelauntes Volk. Vermutlich haben die einfach so lange Krisenlage durch, es wird einfach weitergelebt. Und das könnte hier der Schlüssel sein - das Leben findet statt, während man andere Pläne macht, heisst es, und in den zahllosen Hotels, den fantastischen Restaurants, den Märkten und den Stränden geht das Leben einfach weiter. Naja, nicht einfach nur so - mit einer betonten Fröhlichkeit den widrigen Umständen zum Trotz, und ohne diese zu ignorieren. Ein Beispiel: Egal, was man kauft, ob es ein Essen in einem Restaurant ist, Brot und Aufschnitt im Supermarkt oder eine Dose Cola für 50 Cent, man bekommt IMMER einer Quittung mit Steuer-ID und ausgewiesener Umsatzsteuer in die Hand gedrückt, ob man will oder nicht. Wenn man nicht will, laufen die Verkäufer sogar hinter einem her, aus dem Laden raus. Offenkundig nimmt man es nun sehr ernst mit den Steuern, bei wirklich keinem Kauf verzichtete man auf die Quittung. Aber alles mit einem Lächeln. Die Straßen sind alt und kaputt? Man lächelt, lässt einander vor, und wenn einer mal einen Fahrfehler macht, ist das alles halb so schlimm - während die Deutschen drängeln und rasen bis zum Endsieg. Es war alles irgendwie entschleunigt, und von der Politik total entkoppelt. In einem einsamen Bergdorf fragte ein mürrisch guckender Mann, aus welchem Land wir kämen. Ich antwortete, wir kämen aus Deutschland - er lächelte und sagte, dass in diesem Jahr viele Deutsche dort seien. Ich sagte, das sei schön, und er nickte.

Und so wird es auch weitergehen - diese ganze "hohe Politik"-Debatte ist irgendwie esoterisch. Ob Euro oder Drachme, ob Tsipras oder Varoufakis oder sonstwer: Die ganze hohe Politik wird von vielen Leuten einfach beharrlich ignoriert. Und dann werden weiter die Touristen betüdelt, die Fähren gefahren, die Fabriken betrieben und die Straßen geteert. Und schließlich bestehen ja "die Industrie", "die Wirtschaft" oder "die Tourismusbranche" aus genau diesen Menschen, die weitermachen wie bisher und nach Jahren der Dauerkrisen eine absolute Unerschütterlichkeit an den Tag legen. Der ganze Kram mit den Regierungen ist einfach egal. Ich drücke Griechenland die Daumen, dass nicht irgendwelche Fanatiker das ultra-entspannte griechische Gemüt aus dem Gleichgewicht bringen.

Und eine Anekdote am Rande: Die Kriminalität ist so niedrig, dass die Leute Schlüssel von Autos und Rollern oft einfach stecken lassen, mit Türen und Fenstern auf, denn es ist ja warm.

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