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9/11 2004-Tränen am Ground Zero
Anonymous:
--- Zitat von: "Bombe" ---Pff, das Flugzeug im Pentagon war doch die Ente schlechthin. :)
--- Ende Zitat ---
Was, wenn dem so ist, die Sache nicht gerade ins positivere Licht rückt :roll:
kb:
--- Zitat von: "TheFlyingDragon" ---Und auch dieser letzte Beitrag von kb strotzt schon wieder von Trivialem Gedankengut...
Wo sind die weit denken Menschen, die nicht nur das Jetzt sehen sondern auch das Später ...
--- Ende Zitat ---
... und wo sind die intellent Menschen, die sowohl Kontext als auch Ortographie oder Grammatik beherrschen und nicht gleich dumm persönlich von der Seite ankommen....
... hm, glücklicherweise kenn ich da nen paar von. Gut.
Ich werd auf die Antworten nicht im einzelnen eingehen, auf TheFly wurde schon reagiert und Biserka, wenn du wirklich so empfindest wie du schreibst, finde ich das zwar seltsam, aber ich respektiere es, keine Sorge.
Ich möchte allerdings noch etwas zu den Leuten sagen: die "jetzt laßt sie doch mal trauern" proklamieren: WIR haben diese Diskussion NICHT angefangen. Man wende seine Augen auf die ersten drei Posts in diesem Thread (sinnerhaltend gekürzt):
1. Biserka "ich trauere um die Opfer des WTC"
2. Bombe (zugegebenermaßen reichlich plump): "ich nicht."
3. Biserka: "WAS? WAS FÄLLT DIR EIN, DU UNSENSIBLER ARSCH?"
Also, ich möchte hier ja nicht schon wieder Trivialitäten verbreiten, aber zumindest mir ist klar, WER hier WEM versucht, seine Sicht aufzudrängen.
Und die Ignoranz einiger Leute hier bezüglich der Weltlage und der Frage, wer hier wie einfach so was machen kann, macht mir ehrlich gesagt Angst. Denn diese Leute dürfen wählen. Aua.
Aber: Anderes Thema.
Dalai_Wese:
Also ich denke, dass sich beide Seiten nicht mit der Meinung der anderen abfinden kann. Die eine versucht der anderen klarzumachen, wie schlimm es doch sei, dass man nicht trauert. Die andere, wie schlimm es doch ist, so heuchlerisch zu sein.
Insgesamt ist es immer eine Frage des Stils und obwohl ich eher der letzteren Ansicht anhänge und es mir ähnlich geht wie Bombe, syntiq oder Kb, muss ich doch sagen, dass der Stil Bombes einfach mal relativ schlecht ist (Ich verzichte bewusst auf eingehendere Anmerkungen). Man könnte mit Dieter Nuhr bzw. der anderen Meinung sagen: Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten. Nun hat der Mann aber leider wohl doch zumindest etwas Ahnung. Aber gut, es ist jedem seine Sache, ob man wen bewusst anpinkelt oder nicht. Man kann sich ja sachlich äußern, so wie das die meisten hier tun und wer trauern will kann das von mir aus tun. Der Sinn für den globalen Zusammenhang sei mal dahingestellt, die Wahlrechtsfrage auch. Jedenfalls ist keiner unmündig, nur weil er anderer Meinung ist.
Das Heuchelei-Argument ist meiner Ansicht nach logisch richtig, aber es ist bei der Anzahl der Toten pro Tag schlicht und ergreifen unmöglich alle zu erfassen und im Grunde wird jedes Trauern zur Heuchelei degradiert. Zulässig aber dennoch bedenklich, denn wenn das in den Zusammenhang der globalen Lage gestellt wird, dann führt man sich selbst ad absurdum, besonders dann, wenn man um die nach eigener Meinung "wahren Opfer" trauert. Da geht das nämlich schon los mit der Heuchelei. Man kann das beliebig weiterführen.
Dennoch war es klar, dass bei diesem Thema sich irgendwer in die Haare kriegen wird, gerade bei solchen Gegenpositionen. Aber zum Glück haben es die meisten Leute ja drauf sich der deutschen Sprache zu bemächtigen und hier ihre Meinung sinnvoll und mit Stil darzulegen.
Kenaz:
So, und nun werde auch ich hier noch mal meinen unmaßgeblichen Senf beisteuern:
Ich hatte mich am 11.09.2001 den lieben langen Tag mit meiner damaligen Freunding gezofft; gegen 16 Uhr verrauchten die Wolken langsam und nach 'ner kleinen Runde leidenschaftlichem Versöhnungssex machte man's sich ein bißchen vor der Glotze gemütlich. Mir steht nach so was meist der Sinn nach etwas leichter Unterhaltung und gegen 17.00 sollte auf RTL "Die Nanny" laufen ( :mrgreen: - ja, ich scheiße bisweilen auf Niveau!) - wir also den Fernseher angeschmissen. Tja, was wir sahen, war aber nicht Fran Drescher und ihren heiratsphobischen Multimillionär in den hinlänglich bekannten Sitcom-Irrungen-und-Wirrungen, sondern einen Flieger, der ins WTC krachte. Ich dachte anfangs, es handelte sich um einen Werbetrailer für irgendeinen neu angelaufenen Actionschinken. Nach einigen Minuten wurde allerdings langsam klar, daß das hier nicht Fiktion, sondern die ganz nüchterne "Wirklichkeit" war. Irgendwann donnerte der nächste Flieger rein; dann kam das Pentagon dran. Ich kann mich noch sehr genau daran erinnern, wie mir der Gedanke durch's Hirn schoß: "Hey! Du streitest Dich hier wegen irgendwelcher unbedeutender Nichtigkeiten mit dem Menschen, den Du liebst, nimmst billigend in Kauf, daß er irgendwann geht, OHNE ihm vorher gesagt zu haben, WIE SEHR Du ihn liebst, weil Du auf Deinem kleinkarierten Dickkopf beharrst - und eine Minute später könnte er tot sein. Könntest Du Dir das jemals verzeihen?!" - Elementaren Sinnfragen schlugen sich mit unvermittelter Wucht Bahn, die sonst ach so wichtig erscheinenden Widrigkeiten des Alltags schrumpften ins Bedeutungslose. Was ist wirklich wichtig? - Diese Frage stand - für mich wenigstens - in brutalstmöglicher Deutlichkeit im Raum.
Ich war ehrlich geschockt. Ich gehöre normalerweise ganz und gar nicht zur Fraktion der Berufsbetroffenen und die entsprechende, tendenziell pathologische Gefühlsduselei ist mir an und für sich zutiefst zuwider. Damals war alles anders. Und so richtig gemerkt, daß irgendwas ganz, ganz, ganz anders ist, hab' ich's erst am nächsten Tag. Es kam mir vor, als ob die ganze Stadt hinter einem Nebelschleier läge und alles - inklusive meiner eigenen Tätigkeiten - irgendwie in einer Art unwirklicher Zeitlupe abliefe. Selbst mein sonst so fröhlich vor sich hinschnatternder, schwuler Frisör war merklich einsilbig und blaß um die sonst so kecke Nasenspitze. - Dann kamen die Aufrufe zu öffentlichen Trauerkundgebungen und ich schäme mich kein bißchen zuzugeben, daß ich damals das erste Mal in meinem Leben ernsthaft in Erwägung zog, an so was teilzunehmen; ich dachte bei mir: "Man muß ein Zeichen setzen. Man muß rausgehen und zeigen, daß es so nicht geht. Man muß sich solidarisch zeigen mit allen, die die fundamentalen Grundwerte hochhalten, auf denen menschliche Gemeinschaft aufbaut" usw. usf. - Letztlich bin ich dann nicht hingegangen, weil ich arbeiten mußte.
Tja, und einige Wochen später war ich plötzlich ganz froh, daß ich nicht hingegangen bin - und wurde mit jedem Monat, der verstrich, froher. Denn dann legten die Amis los: selbstherrlicher und arroganter als jemals zuvor! Es kam der Afghanistan-, es kam der Irak-Krieg, es kam Guantanamo, es kam Abu Ghureib und es nahm und nimmt kein Ende. Die Jungs haben offenkundig nicht im Ansatz begriffen, wo der Hass herkommt, der ihnen entgegenschlägt, d. h.: freilich gibt's auch in Amerika Leute, die das begriffen haben, nur - deren Einfluß ist verschwindend gering.
Ich hatte vor 9/11 eigentlich so gut wie keine Antiamerikanismus-Tendenzen; die, die ich in den späten 80ern als junger Punker-Bube im Zuge der ganzen PershingII-Auf-und-Nachrüstungskiste übernommen hatte, waren zu diesem Zeitpunkt eigentlich endgültig und restlos überwunden. Witzigerweise sieht das heute völlig anders aus. 9/11 stellt für mich eine Zäsur dar, die eine ganz neue und viel fundamentalere Aversion, ja: einen geradezu physischen Ekel gegen alles, wofür Amerika steht, eingeleitet und etabliert hat. Denn meiner bescheidenen Meinung nach steht Amerika in erster Linie für eins: Radikalsten Raubtierkapitalismus, für dessen ungehinderte Entfaltung jedes Mittel recht ist. Freiheit? Daß ich nicht lache! Das einzige, worum es da geht, ist die Freiheit des Konsums: Der Mensch ist für dieses System nur als Konsument interessant; ist er nicht in der Lage zu konsumieren, so ist sein Verlust ein bedauerlicher, aber leider unvermeidbarer Kolateralschaden. Nicht zuletzt deshalb ist es ja das oberste Anliegen Amerikas, überall dort, wo es die Finger mit drin hat, die Menschen ihrer genuinen Kultur und ihrer Traditionen zu entfremden - ein Prozeß, der hier in Europa als nahezu erfolgreich abgeschlossen betrachtet werden kann -, denn eins wissen die kapitalistischen Führungseliten sehr genau: So lange Menschen noch mit lebendigen Wurzeln in ihrer Kultur und ihrer Tradition gründen, haben sie einen Grund, von dem aus sie Widerstand zu leisten vermögen, Widerstand gegen die Hirnwäsche- und Meinungsmanipulationsmaschinerie, mit deren Hilfe sie zu willigen Konsumenten und willenlosen "Wählern" umfunktioniert werden sollen. - Aber ich schweife ab ...
Noch ein Wort zur Trauer: Bei allem Respekt, aber ich denke, daß dieser Begriff hier in letzter Konsequenz fürchterlich überstrapaziert wird. Ich schließe mich da meinen Vorrednern an, insbesondere dem diesbezüglichen Beitrag von Laetitia: Diese Art von "Trauer", die anläßlich solcher Tragödien wie 9/11 oder jetzt zuletzt der Geiselnahme in Beslan aktiviert wird, ist fundamental von Trauer im eigentlichen Sinne zu differenzieren: diese bezeichnet den Schmerz über den real erlebten Verlust von Personen, zu denen ein innerer, persönlicher Bezug bestanden hat (inwieweit hier letztlich nur von Selbstmitleid aufgrund des reinen Verlustes seitens des Trauerenden selbst zu sprechen ist, wie Laetitia das nahelegt, ist eine durchaus berechtigte, m. E. aber keineswegs einfach zu beantwortende Frage, die ich hier mal aussparen will), jene hingegen ist in meinen Augen ein ganz anderes Gefühl, das sich dem oberflächlichen Betrachter lediglich als Trauer präsentiert, will heißen: es ist die einfache Bestürzung über jene radikale Endlichkeit und existentielle Unsicherheit des Lebens, die heute so gerne ausgeblendet wird und die doch zum Leben gehört wie das sprichwörtliche Deckelchen zu seinem Töpfchen. Trauern kann man nur über den Verlust eines Menschen, zu dem ein innerer Bezug vorhanden war, will man die Ausdehnung des Wortes nicht bis ins völlig Inflationäre betreiben. Das, was m. E. im fraglichen Kontext mit dieser "echten" Trauer verwechselt wird, funktioniert mehr auf der Ebene eines "Memento Mori" - und das trifft eine Gesellschaft natürlich umso brutaler, unvermittelter und herber, je stärker sie zum einen ganz grundsätzlich Themen wie Alter, Krankheit und Tod aus dem öffentlichen Bewußtsein bzw. dem öffentlichen Diskurs ausblendet, und zum anderen über keinerlei metaphysische Instanzen mehr verfügt, die angesichts dieser Endlichkeit zur Sinnstiftung herangezogen werden könnten. Gerade dieser tiefen Sinnleere wird sich der (post-)moderne Mensch angesicht solcher Katastrophen und Tragödien aber aufs schmerzlichste bewußt, womit es wohl zusammenhängen mag, daß zu diesen und ähnlichen Anlässen auch eingefleischte Atheisten bisweilen einen ihnen selbst unerklärlichen Drang zum Gebet verspüren. Auch in diesem Zusammenhang erscheinen mir einmal mehr die Worte Friedrich Nietzsches durchaus bedenkenswert, der im gleichnamigen Aphorismus der "Fröhlichen Wissenschaft" seinen "tollen Menschen" sagen läßt: "Gott ist todt! Gott bleibt todt! Und wir haben ihn getödtet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besass, es ist unter unseren Messern verblutet, - wer wischt diess Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnfeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Grösse dieser That zu gross für uns?" ...
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