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colourize:

--- Zitat von: "Candide" ---
Das nicht, aber es ist doch so, das diese Reform die Komplexität der Sprache stark reduziert - welche Auswirkungen hat das auf Kultur, mittelfristig?
--- Ende Zitat ---

Gar keine.

Sprache ist nämlich dynamisch und wird nicht von der Duden-Redaktion erfunden. Sprache formt sich durch die Sprecher, und natürlich wirkt die Sprache auch zum Teil wieder auf die Kultur zurück (s. mein Beitrag oben, Saphir-Whorf Hypothese).
Ob man "Basssklave" nun mit zwei oder drei "S" schreibt, spielt aber überhaupt keine Rolle für unsere Realität. Mal abgesehen davon, dass dies ein Beispiel ist, das sowohl nach der alten als auch nach der neuen Rechtschreibung mit drei "S" geschrieben wird.  8)

kb:
Ob die Rechtschreibreform so durchkommt, ist glücklicherweise dank weiterhin steigenden Widerstandes immer noch fraglich. Was Newspeak angeht, schließ ich mich dabei aber Bombe an - die Sprache an sich wird ja nicht verändert, nur eine ihrer vielen Kodierungen.

Ein Orwellscher Transformationsprozeß ist aber trotzdem da - wenn ich an Newspeak denke, fällt mir nur ein Begriff ein:

Political Correctness.

Dank des neuesten Trends aus Amerika wird auch hier versucht, immer mehr Worte aus der Sprache zu streichen, nur weil sie irgendwelche dahergelaufenen Randgruppen verletzen könnten - die aber vermutlich nie jemand zu dem Thema gefragt hat.

Ich dagegen nenn das bewußte Verdrehung von Tatsachen aus der Angst davor,  genau diesen ins Auge sehen zu müssen. Ein Blinder wird nicht weniger blind, nur weil man ihn "visually challenged" nennt. Und ich glaube auch nicht, dass man den Rassismus der Welt dadurch bekämpfen kann, dass man (so geschehen in Los Angeles, URL kann ich ggf raussuchen) seine IDE-Festplatten nicht mehr mit Master oder Slave kennzeichnet.

Ehrlich gesagt macht mir DAS aam meisten Angst. Die Rechtschreibreform ist da nur ein weiterer Tropfen in die heiße Steinhöhle der allmählichen Verdummung.

Candide:
Ganz nebenbei angemerkt: interessant ist auch, wie mit dem Unterschied zwischen Wort und Ding, bzw. Ding und Abbild, umgegangen wird. Es gibt doch ganz immense Unterschiede zwischen dem Ding "Ball", dem Wort "Ball" und der Zählform "1 (Ball)". Insbesondere durch die Cyberiesierung dürfte der Unterschied immer mehr verwischen, so ein Wort wie "Forum" ist hochspannend.

Kurz noch zur Rechtschreibreform: was ich bedenklich finde, ist, das eine Regierung so massiv in die Grundlagen der Kultur eingreift, aus der sie ja hervorgeht. Der Weg muß umgekehrt ablaufen, Kulturen schaffen Regierungen, nicht Regierungen schaffen Kulturen...


--- Zitat von: "kb" ---Political Correctness. [..] Und ich glaube auch nicht, dass man den Rassismus der Welt dadurch bekämpfen kann, dass man (so geschehen in Los Angeles, URL kann ich ggf raussuchen) seine IDE-Festplatten nicht mehr mit Master oder Slave kennzeichnet.
--- Ende Zitat ---


Unwort des Jahrhundertes. Schöne Anekdote, die mir grad spontan einfäält, aber nur am Rande damit zu tun hat: die bayrische Regierung wollte mal gerne die gesamte Website Bayerns von Anglismen befreien. Dann stand da nicht mehr "Bayern online" sondern "Bayern auf Linie". Treffer, versenkt.

Gleipnir:
auch zum thema:

http://www.wissenschaft.de/wissen/news/244069.html

gleipnir

messie:
Was für ein Thema! Da kann ich ja garnicht anders als was dazu zu sagen  :mrgreen:

Zuerst einmal: In den Beiträgen hier gibts ja bereits drei Themen, die da wären:

1) Zusammenhang zwischen Sprache und Denken
2) Auswirkungen der Rechtschreibreform
3) pc in der Sprache

Punkt 2) lässt sich ganz einfach beantworten: Sowohl kulturell als auch sprachlich gesehen hat sie nur eine Auswirkung - nämlich gar keine.
Denn das eigentliche sprachliche Schlachtfeld ist das mündliche. Wer glaubt, mündliche mit schriftlicher Sprache gleichzusetzen, der ist ganz gehörig auf dem Holzweg, genaugenommen haben diese zwei Sprachformen nahezu nichts miteinander zu tun.
Auch die Schriftsprache betreffend reduziert die Rechtschreibreform den sprachlichen Ausdruck in unserem täglichen Leben höchstens peripher. Es werden in den Zeitungen täglich dutzende neuer Begriffe verwendet, die meisten davon verschwinden bereits wenige Tage später wieder in der Versenkung. Und hätte man da nicht den Begriff "Reform" drübergeklebt sondern alles in kleineren Häppchen "Anpassung" genannt, dann hätte sehr wahrscheinlich kein Hahn nach gekräht.

Zur pc in der Sprache: Funktioniert auch nicht wirklich.
Dafür ist das Repertoire der brisanten Begriffe einfach zu klein. Es gibt eine ganze Reihe von Nazibegriffen die geächtet sind, einige wenige in Richtung Behinderter (z.B. "gehörlos" statt "taub"), einige bzgl. des Rassismus (wer sagt heute denn noch Neger?) und dann hört es auch schon langsam auf. Im Gegensatz zu den USA geschieht hier auch bei weitem nicht die Ächtung wie dort.
Obwohl Begriffe eine sehr große psychologische Wirkung haben können, halte ich die Angst vor einer aufkommenden pc in der Sprache hierzulande für reichlich übertrieben.

Und nun mal zum Hauptthema!
Im Grunde genommen hat es colourize mit seinem Absatz
--- Zitat ---Außer der Sprache bestimmen viele andere Aspekte die Realitätswahrnehmung ebenso - und viele davon in einem viel stärkeren Maße als die Sprache. So z.B. Rollenmodelle ("Was ist die Aufgabe einer 'Mutter'? Welche Erwartungen stellt man an einen 'Lehrer'? etc.), oder der historische Kontext einer Gesellschaft.
--- Ende Zitat ---
schon sehr gut getroffen.

Ergänzen möchte ich, dass sich der Mensch nicht nach der Sprache richtet sondern die Sprache nach dem Menschen: Der Mensch passt die Sprache seinen eigenen Bedürfnissen an. Benötigt er also bestimmte Wahrnehmungsmuster nicht, dann wird sich das in der Sprache wiederspiegeln. - In dem genannten Beispiel ist es dann auch schön zu sehen: Der Piràha-Stamm hat nur Begriffe für "eins", "zwei", "viele" - aber das ist dann auch völlig logisch, man kann davon ausgehen, dass sie in ihrem Leben nie eine Notwendigkeit besassen, um in der Sprache wie in ihren Denkmustern Zahlen oberhalb von 3 zu manifestieren. Sie brauchen sie einfach nicht.

Ein zwar abgenutztes Beispiel zeigt sehr schön, dass ihnen nicht unbedingt etwas fehlt dadurch: Die Eskimos besitzen z.B. unzählige Begriffe für Schnee. Sie unterscheiden zwischen festem Schnee, lockerem, eher eisigem, schmutzigem und sauberem.. diese Unterscheidung ist für sie lebenswichtig, also hat sie sich herausgebildet. Wir dagegen sehen in Schnee halt nur Schnee. Uns würden die feinen Unterschiede in der Konsistenz niemals auffallen. Nur, weil wir keine Worte dafür haben? - Nein.
Weil wir diese Unterscheidung eben einfach nicht brauchen.

Es gäbe noch einiges mehr über den Zusammenhang zwischen Sprache und Denken zu sagen, würde hier aber zu weit führen.
Wer aber wirklich ein tiefgehendes Interesse daran hat sich damit auseinanderzusetzen, dem kann ich die Essays von Walter Benjamin wärmstens ans Herz legen (z.B. Walter Benjamin: Sprache und Geschichte, Reclam 1992). Auch wenn er nicht ganz leicht zu lesen ist: Es lohnt sich.

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