Schwarzes Hamburg

Schwarzes Hamburg => Archiv => Politik & Gesellschaft -Archiv- => Thema gestartet von: Kallisti am 18 Oktober 2010, 12:36:12

Titel: bildungsferne Schicht? ^^
Beitrag von: Kallisti am 18 Oktober 2010, 12:36:12
Habe gestern Abend "Das Philosophische Quartett"  (Thema "Weniger Deutschland") geguckt - naja, nur einen Teil, dann zu müde - und: zu sehr aufgeregt über das dort Gesagte.

http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/11/0,1872,8120075,00.html

Vor allem die Sache mit den "bildungsfernen Schichten" ...

Also wie isses - wer outet sich ;) - kommt ihr aus einem "bildungsfernen Elternhaus" und habt ihr euch hoch-gebildet oder nicht?

Und was wird aus dem armen Deutschland bloß, wenn "die Gebildeten" auch zukünftig (trotz Elterngeld) immer weniger/seltener Kinder kriegen und die bildungsferne (Unter-)Schicht   >:( sich weiterhin aber fröhlich fortpflanzt (trotz gestrichenem Eltern-/Erziehungsgeld für Alg 2 - Empfänger) und "ungebildet" bleibt (trotz Krippenbesuch der Kinder ab dem ersten Lebensjahr) - mal (soweit möglich) unabhängig von Migration gesehen?

Welche Folgen hat das für unsere Gesellschaft? Zumal wir ja auch überwiegend "Migration in Sozialsysteme" haben (so der Soziologe Prof. Gunnar Heinsohn) ... ^^


Also das mag ja z.T. so zutreffen ..., aber mich regt es doch schon auf, wie da so unverblümt und abschätzig über Menschen gesprochen wird, wie wieder Schubladen vollgepackt und Etiketten aufgeklebt werden - warum nicht gleich (wieder) den Leuten als Stigma auf die Backe (Wange) Stirn oder Nase kleben! ?!? Die Bildungsfernen, Sich-freudig-gedankenlos-handaufhaltend-Vermehrenden, die Konflikte ja nur mit Gewalt lösen können usw. usf. ...


Entschuldigung, aber: diese von sich selbst überzeugte Arroganz stinkt so widerwärtig ...


 >:(



Titel: Re: bildungsferne Schicht? ^^
Beitrag von: Kallisti am 19 Oktober 2010, 01:02:09
Also ... die Frage, die sich mir halt einfach gestellt hat, ist:

Wer ist ab wann eigentlich "gebildet"? Was muss man wissen (??), um als gebildet zu gelten? Was bedeutet Gebildetsein genau? - Eine gute Allgemeinbildung zu haben? Und was alles umfasst eine solche dann? - Oder: belesen zu sein? Und was alles muss man dann gelesen (und im Gedächtnis behalten) haben, um als gebildet zu gelten - für wen eigentlich?

Und wie steht es davon unabhängig aber um Intelligenz - wenn man also intelligent ist, aber nicht belesen bzw. über keine gute Allgemeinbildung (welche genau?) verfügt? Gehört man dann auch zur "bildungsfernen Schicht"?

Ich sollte das am besten Herrn Heinsohn fragen.  ;D Aber vielleicht wissen andere Leute ja durchaus, was genau er (und nicht nur er) denn meint(e) (mit "Bildung") und ich versuche hier ja nun, es (auch) zu verstehen.  :-\


Also was beinhaltet "Gebildetsein" - wer gehört weshalb/wodurch (welches "Wissen" ??) zur bildungsnahen  :D  Schicht ?
Titel: Re: bildungsferne Schicht? ^^
Beitrag von: Eisbär am 19 Oktober 2010, 01:11:09
Bildungsfern wird i.A. genannt, wer keinen Bildungsabschluß hat.
Titel: Re: bildungsferne Schicht? ^^
Beitrag von: Kallisti am 19 Oktober 2010, 01:16:16
Bildungsfern wird i.A. genannt, wer keinen Bildungsabschluß hat.


 :o    :D  :-\   ???


Sooo profan is das also? !? - Das ist mehr als enttäuschend - so, dass ich das gar nicht wahrhaben will.

Titel: Re: bildungsferne Schicht? ^^
Beitrag von: Kallisti am 19 Oktober 2010, 01:23:33
@Eisbär - und was is ein Bildungsabschluss?

Also wenn es nach "niedrigem", "mittlerem" oder "hohem" Schulabschluss geht, dann sind Hauptschulabgänger per se einfach schon mal gebildet? Und Abiturienten sind dann "höher gebildet"? Und Akademiker sind "am höchsten gebildet" - oder wie??  :D  :D  :D

Gut - und was bedeutet das mal ab vom Kästchen-Füllen?

Wer hat aufgrund welchen Wissens (geht es denn überhaupt um Wissen??) eine "gute", eine "gehobene" Bildung? - Denn: nur weil jemand Abi gemacht hat, verfügt er infolgedessen ja nun nicht zwangsläufig über eine gute, "fundierte" (lol) Allgemeinbildung, nicht wahr. (?) Und nur weil jemand einen Hochschulabschluss in der Tasche hat, ist er nicht zwangsläufig "gebildet" - er kann durchaus ein Fachidiot sein - oder reicht das als "gehobene Bildung" ? 
Titel: Re: bildungsferne Schicht? ^^
Beitrag von: sYntiq am 19 Oktober 2010, 07:11:12
Und nur weil jemand einen Hochschulabschluss in der Tasche hat, ist er nicht zwangsläufig "gebildet" - er kann durchaus ein Fachidiot sein - oder reicht das als "gehobene Bildung" ? 
Ja. reicht.

Es zählt leider nur das was auf dem Papier steht.
Mit Abitur, abgeschlossenem Studium und evtl. sogar Doktor oder Professorentitel gehörst du zur "Bildungselite". Völlig egal ob du rein menschlich ein Idiot bist und/oder ob du in anderen "Fachbereichen", bzw. Allgemeinbildung nur Müll erzählst und gar keinen Plan hast.

Mit Bildung/gehobene Bildung etc. ist meienr Meinung nach nur die Schulbildung, bzw. Studium gemeint. Was du dir da privat erarbeitet hast, ist sekundär.

Und selbst bei Schulbindung. Je nachdem wen du fragst, gelten Hauptschüler, bzw. welche mit Hauptschulabschluss schon als "Bildungsfern" oder gar alles unterhalb von Abitur.

Bei meiner Grossmutter war es sogar so dass, als einer ihrer Enkel angefangen hat zu studieren, es hiess "wenigstens einer der nicht versagt hat". Als ich mein Abitur gemacht habe, war ich immerhin "auf dem richtigen Weg" (Um so enttäuschender für sie dann natürlich als ich nicht studiert habe, da ich durch Zufall genau in den Job reingekommen bin wegen dem ich überhaupt erst mein Abi nachgeholt und geplant hatte zu studieren)

Für eine Bekannte von mir ist alles unter "abgeschlossenes Studium + überbezahlter Job" auch nur "der Pöbel von der Strasse"
 ::)
Wenn ich so etwas höre, ist das für mich imme rnur eine Bestätigung dass "Bildung" und "Intelligenz" 2Dinge sind die absolut nichts miteinander zu tun haben scheinen.
Titel: Re: bildungsferne Schicht? ^^
Beitrag von: public final void am 19 Oktober 2010, 08:48:56
Tante Wiki sagt, "Bildungsfern" sei jeder, der "keine Kenntnis des Lehrstoffs besitzt, der an Fachhochschulen und Hochschulen gelehrt wird", was sYntiqs und Eisbärs Aussage stützen würde. Je nach dem wie viel "credit" man Tante Wiki zugestehen möchte.
"Kinder aus Bildungsfernen Schichten" sind demnach folgerichtig die Kinder un-studierter Eltern -- mehr erst mal nicht. Gemäß irgendwelcher Studien sei es für solche Kinder schwerer, einen Bildungsweg einzuschlagen. Sei es, weil die Eltern es für wichtiger erachten "was anständiges" gelernt zu haben, weil sie während ihrer Jugend nicht zur Bildung "erzogen" wurden oder schlichtweg nicht "können", dass letzteres in der aktuellen Debatte so herab gewürdigt wird ist traurig, "das Handwerk" war vor nicht so langer Zeit hoch angesehen ;)
Titel: Re: bildungsferne Schicht? ^^
Beitrag von: CubistVowel am 19 Oktober 2010, 09:07:23
Tante Wiki sagt, "Bildungsfern" sei jeder, der "keine Kenntnis des Lehrstoffs besitzt, der an Fachhochschulen und Hochschulen gelehrt wird", was sYntiqs und Eisbärs Aussage stützen würde. Je nach dem wie viel "credit" man Tante Wiki zugestehen möchte.
"Kinder aus Bildungsfernen Schichten" sind demnach folgerichtig die Kinder un-studierter Eltern -- mehr erst mal nicht. [...]

Abgesehen von der reinen Wortbedeutung hat das Wort aber einen, wie soll ich sagen, "Ruch" bekommen. Es wird immer mehr zum Euphemismus für "verblödeter, prolliger, fauler Sozialballast"... :-\ Kann mich da auch täuschen, aber ich glaube, das ist es, was die Bildungsnahen eigentlich denken, wenn sie das Wort benutzen...
Titel: Re: bildungsferne Schicht? ^^
Beitrag von: public final void am 19 Oktober 2010, 09:12:55
Abgesehen von der reinen Wortbedeutung hat das Wort aber einen, wie soll ich sagen, "Ruch" bekommen. Es wird immer mehr zum Euphemismus für "verblödeter, prolliger, fauler Sozialballast"... :-\ Kann mich da auch täuschen, aber ich glaube, das ist es, was die Bildungsnahen eigentlich denken, wenn sie das Wort benutzen...

Da gehe ich mit, "Bildungsfern" klingt in den Debatten wie "doof". Es ist eben auch nur die Bildungs"Elite" die dieses Wort zu benutzen scheint (denn warum sollten die Bildungsfernen auf solche Ideen kommen ;)). Endlich können die Streber mal nach unten treten nachdem sie Jah-re-lang auf den Schulhöfen dieser Republik gehänselt wurden  ::)
Titel: Re: bildungsferne Schicht? ^^
Beitrag von: colourize am 19 Oktober 2010, 10:34:06
"Bildungsfern" wird m.E. oft eher als Synonym für Desinteresse, Ignoranz, Kleingeistigkeit und einer Ablehnungshaltung gegenüber dem Willen zum sozialen Aufstieg verwendet, der für die klassische Mittelschicht kennzeichnend ist. "Bildungsfern" ist folglich ein Kampfbegriff der Mittelschicht, die für sich den Aufstiegsgedanken nicht aufgeben will, obwohl sie selbst immer mehr erkennt, dass das Gerede von "Jeder kann es hier schaffen, wenn er sich nur richtig anstrengt" zumindest in unserer heutigen spätkapitalistischen Welt ein Märchen ist. Ferner ist es eine rhetorische Figur der Oberschicht, die zwar selbst nicht auf Bildung angewiesen ist (ob deren Kinder nachher gebildet sind ist für das Weiterbestehen der Kapitaldynastie unerheblich), sondern den Wert der "Bildung" nur als zweites Bewertungsraster zur Sortierung ihrer Welt benötigt, damit das im Kapitalismus unangefochten wichtigste Raster, das Verfügen über Geld, nicht ganz so unanständig wirkt.

Von höherer Bedeutung für das Verständnis des Begriffs ist aber die Mittelschicht. Das, was die Mittelschicht als "Bildungsferne" sowie "Bildungsnähe" versteht ist m.E. durch formale Abschlüsse nur zum Teil kommunizierbar, was daran liegt, dass man Menschen formale Abschlüsse bzw. Bildungstitel nicht direkt ansehen kann. Zwar lernt man i.A. auf dem Bildungsweg recht gut, wie man das zu erwerbende Bildungszertifikat kommunikativ in Wert setzt wenn man sich mit anderen Menschen unterhält, ohne platt auf den eigenen Abschluss hinzuweisen. Bedeutender als der Abschluss selbst ist es aber, über den Habitus die eigene Bildungsnähe kommunizieren zu können. Hierzu zählt z.B.

- dialektfreie Sprache auf hohem rhetorischen Niveau
- fehlerfreie Schriftsprache
- die Fähigkeit, andere ausreden zu lassen
- das Meiden von Verallgemeinerungen und Plattitüden
- die Fähigkeit, bei Kontroversen Pro- und Kontraargumente zu sortieren und zu bewerten
- Wissen um historische sowie aktuelle politische Ereignisse
- Kenntnis von Kunstepochen, Künstlern und ihren Werken
- Distanz zu Boulevard-Themen ("Klatsch & Tratsch")
- optisches Erscheinungsbild, insb: gepflegtes Äußeres, saubere Kleidung, gesellschaftlich akzeptiere Frisur, i.R. wird weiße Hautfarbe erwartet




Titel: Re: bildungsferne Schicht? ^^
Beitrag von: Kallisti am 19 Oktober 2010, 10:59:39
Zitat
Ferner ist es eine rhetorische Figur der Oberschicht, die zwar selbst nicht auf Bildung angewiesen ist (ob deren Kinder nachher gebildet sind ist für das Weiterbestehen der Kapitaldynastie unerheblich), sondern den Wert der "Bildung" nur als zweites Bewertungsraster zur Sortierung ihrer Welt benötigt, damit das im Kapitalismus unangefochten wichtigste Raster, das Verfügen über Geld, nicht ganz so unanständig wirkt.
(colourize)

Mh - das war jez aber auch (eine) etwas dickere Polemikschicht - ich kratz da mal "Kapitaldynastie" frei - weil´s mir so gut gefällt.  ;D


Zitat
- dialektfreie Sprache auf hohem rhetorischen Niveau
(colourize)

Hier könnte man noch beifügen, dass das Verwenden von mindestens zwei Fremdwörtern in (beinahe) jedem Satz allerdings nicht zielführend ist.  :D


Zitat
- die Fähigkeit, andere ausreden zu lassen
(colourize)

oh - dann müssen einige Politiker ihrer Bildung(snähe) noch den nötigen Feinschliff verleihen.

 
Zitat
- Kenntnis von Kunstepochen, Künstlern und ihren Werken
(colourize)

- Von welchen nur??

Zitat
- Wissen um historische sowie aktuelle politische Ereignisse
(colourize)

Auch hier: Welche (von den unzähligen) sind denn relevant?

Zitat
- die Fähigkeit, bei Kontroversen Pro- und Kontraargumente zu sortieren und zu bewerten
(colourize)

Und hier hapert es ja ganz besonders gerne ...  ;D - Im Ernst: Echte Argumente von Scheinargumenten unterscheiden und selbst wirklich argumentieren zu können - ist keine so leichte Sache - und fällt auch vielen "Gebildeten" oft sichtbar (lesbar) schwer ...  ;) 


Sonst ist die Liste sicher ganz zutreffend.  ;D
Titel: Re: bildungsferne Schicht? ^^
Beitrag von: colourize am 19 Oktober 2010, 11:10:38
Es ist keine vollständige Liste, sondern lediglich der Versuch, exemplarisch einige Dimensionen zu benennen, um die es geht. Es müssen auch nicht alle Punkte zutreffen, um Bildungsnähe zu verkörpern (ich glaube z.B., dass das mir nicht unbedingt schlecht gelingt, obwohl meine Frisur nicht zu jedem Zeitpunkt mittelschichtskompatibel ist).

Von daher kommt es nicht auf Künstler A oder die historische Epoche B an. Der Punkt ist eher, dass man sich beim "gebildeten Smalltalk" blamiert, wenn man nicht weiß, ob die Französische Revolution vor oder nach dem Dreißigjährigen Krieg war.
Titel: Re: bildungsferne Schicht? ^^
Beitrag von: messie am 19 Oktober 2010, 11:50:04
Die Sprache hat in dem Zusammenhang einen ganz erheblichen Einfluss auf die Beurteilung eines Menschen und ob man ihn als "bildungsfern" oder "bildungsnah" einstuft.

Kommst du in geflissenem, beinahe schon gesprochenem Schriftdeutsch daher, dann wird dir das Gegenüber eine hohe Bildung abkaufen, selbst wenn du sie gar nicht besitzt. Und umgekehrt: Wenn du in Slangsprache der Sorte "ey weissu alder, bist voll korrekt, ey!" ankommst, dann wäre die Überraschung des Gegenübers groß, wenn du dich als promovierter Wissenschaftler outen würdest.

Ansonsten mutiert "bildungsfern", fürchte ich,  inzwischen tatsächlich langsam zu einem Schimpfwort, um die Leute, die "bildungsfern" sind, in die Gruppe  "zu faul zu(m) (hier etwas beliebiges einsetzen)" werfen zu können.
Titel: Re: bildungsferne Schicht? ^^
Beitrag von: Kallisti am 19 Oktober 2010, 11:55:13
Zitat
Es ist keine vollständige Liste, sondern lediglich der Versuch, exemplarisch einige Dimensionen zu benennen, um die es geht. Es müssen auch nicht alle Punkte zutreffen, um Bildungsnähe zu verkörpern (ich glaube z.B., dass das mir nicht unbedingt schlecht gelingt, obwohl meine Frisur nicht zu jedem Zeitpunkt mittelschichtskompatibel ist).
(colourize)
(Markierung von mir)

... hihi - doppelte Verneinung is immer gut! ;)


Das war doch auch gar keine Anmache. Ich finde nur, dass eben das genau das Problem ist: oberflächliches Galama - ("gebildeter smalltalk").

Wobei ich aber auch finde, dass du da nicht ohne gewisse Ressentiments bist (lol).

Zitat
Von daher kommt es nicht auf Künstler A oder die historische Epoche B an. Der Punkt ist eher, dass man sich beim "gebildeten Smalltalk" blamiert, wenn man nicht weiß, ob die Französische Revolution vor oder nach dem Dreißigjährigen Krieg war.
(colourize)

Und das irgendwie doch auch bisschen nach Klischee riecht. Auch das (nochmal):


Zitat
(...) der Oberschicht, die zwar selbst nicht auf Bildung angewiesen ist (ob deren Kinder nachher gebildet sind ist für das Weiterbestehen der Kapitaldynastie unerheblich), sondern den Wert der "Bildung" nur als zweites Bewertungsraster zur Sortierung ihrer Welt benötigt, damit das im Kapitalismus unangefochten wichtigste Raster, das Verfügen über Geld, nicht ganz so unanständig wirkt.
(colourize)

Das besagt ja, dass Bildung bzw. Gebildetsein immer mit Kapitalschwere einhergehen muss/sollte - zumindest für eine gewisse (Ober-) Schicht (als deren "rhetorische Figur")?

Ist das aber auch das (dann also in der/für die Mittelschicht) allgemein geltende Verständnis von Gebildetsein ("Bildungsnähe" klingt doch bescheuert)? Oder was kann hier unter Bildungsnähe verstanden werden/gemeint sein? (Du hattest bisher nur erläutert, was die Mittelschicht unter Bildungsferne versteht. ;) )


Und ich frage mich immer noch, was "allgemeinhin" (oder gibt´s das also gar nicht?) unter einer "guten Allgemeinbildung" verstanden wird, was diese beinhaltet - von kapitaldynastischem Elitär-Smalltalk akademisch abgeschlossener Oberschicht-Arroganz abgesehen.   ;D

?

Titel: Re: bildungsferne Schicht? ^^
Beitrag von: Eisbär am 19 Oktober 2010, 14:15:30
Kallisti:


Allgemeinbildung war mal das, was früher auf Schulen und Hochschulen vermittelt wurde, bevor die Bildung immer mehr zu Gunsten der Ausbildung zurückgestellt wurde.
Titel: Re: bildungsferne Schicht? ^^
Beitrag von: tyrannus am 19 Oktober 2010, 14:16:20
"bildungsfern" ist in erster Linie eine Kreation von "Experten" und solchen, die sich dafür halten, welche für sich selbst das Bild aufrecht erhalten wollen, dass sie fast ganz oben sind und da unten noch so ein paar Reste herumdümpeln, die es einfach nicht geschafft haben und auch in den nächsten Generationen nicht schaffen werden. Was auch immmer oben und unten ist.
Weil das aber niemanden Interessiert und die auch sonst nicht viel zum Seelenheil der Welt beizutragen haben, dies aber gerne würden, da sie in einer psychischen Leere verweilen müssten, reden sie halt drüber. Wer viel redet, hat auch viel zu sagen oder beweihräuchert sich am liebsten gleich selbst (Wurde beim philosophischen Quartett nicht sogar darauf hingewiesen, dass man die Migrationsdebatte ja schon anno dazumal vorhergesehen hatte?)

Ein Beispiel von einer Büroeinweihungsparty einer Arbeitskolleging vor zwei Wochen:
[...]
Kollegin: "Musste da vorhin anrufen. Voll schlimm, so diese Callcenter-Leute, könnte ich mir nicht vorstellen, da ist man ja voll unten."
Ich: "Prinzipiell ist ja meistens nur das Konzept Scheiße. Es gibt ja auch Hotlines, wo die die Mitarbeiter komplizierte Inhalte vermitteln müssen."
Kollegin: "Ach quatsch, da braucht man doch vielleicht einen Hauptschulabschluß. Können muss man doch eigentlich nichts, total anspruchslos."

Hier bin ich dann lachend an meinen Schreibtisch zurückgegangen. Alternativ hätte ich ihr auch die Party vermiesen können, mit dem dezenten Hinweis, dass sie einen Realschulabschluß hat, gelernte Kauffrau für Bürokommunikation ist, sich ohne ihren Freund mehr als eine 1-Zimmer-Wohnung nicht leisten könnte und ca. 80% ihrer Kollegen nach den angesetzten Kriterien den Spruch über sie bringen könnten. Scheiße fällt halt immer nach unten, es sei denn das Wasser steht einem bis zum Hals.


In diesem Sinne folgt meine wortreiche Dampfblase zum Thema, die auch gerne, wie viele andere totgeredete Themen, ignoriert werden darf:

Von daher kommt es nicht auf Künstler A oder die historische Epoche B an. Der Punkt ist eher, dass man sich beim "gebildeten Smalltalk" blamiert, wenn man nicht weiß, ob die Französische Revolution vor oder nach dem Dreißigjährigen Krieg war.
Mal abgesehen davon, dass dies so entscheidenende Beispiele aus der Weltgeschichte sind, dass ich dieses Faktenwissen oder zumindest die Herleitung von einzelnen gemerkten Daten von jedem Europäer erwarten würde, ist derlei Wissen aber stark interessenbezogen. Ich weiß z.B. die zwei begrenzenden Jahreszahlen, "Prager Fenstersturz" und "Westfälischer Frieden" zum Dreißigjährigen Krieg beizutragen, aber nur weil ich mich auf Grund von schulischem Geschichtsunterricht daran erinnern kann. Diese Abschnitte der Geschichte interessieren mich aber minimal, entsprechend langweilt mich "gebildeter Smalltalk" zu dem Thema.

Andererseits fällt bei Themen, die einen interessieren im "gebildeten Smalltalk" sehr schnell auf, dass die Beteiligten (mich nicht ausgenommen) sich sehr leicht von tatsächlichem Wissen in Halbwahrheiten verrennen. Das ist fast immer so. In allen anderen Fällen wird bestenfalls das Thema gewechselt oder geschwiegen, wohl auch weil sich niemand traut mit seinen eigenen Halbwissen den Gesprächspartner in ein schlechtes Licht zu rücken. Und dann gibt es ja auch noch diejenigen, die tatsächlich gerade ein bisschen mehr in der Materie stecken, glauben der/die Allwissende der Runde zu sein und müssen dies direkt oder auch indirekt propagieren, bis ein Themenexperte einer höheren Evolutionsstufe auftaucht...  :D
(Bsp, Fachrichtungen abgeändert: Betont nerdiger, angehender Lehrer prahlt eloquent mit seiner Weisheit in physikalischen Themen, er hat ja gerade eine wichtige Klausur dazu hinter sich gebracht. Als er mitbekommt, dass eine Anwesende Dipl. Physikerin ist, ist er für den Rest des Abends sehr schweigsam.)

Das Problem dieser Betrachtungsweise von bildungsnah/bildungsfern ist, dass diese Bildung sowohl sehr allgemein (breit gestreut über viele Themengebiete, dafür evtl. sehr flach in einer Thematik), als auch sehr spezialisiert (weniger breit über nicht so viele Themengebiete gestreut, dafür in einzelnen Themengebieten vertieft) sein kann. Die Kommunikation zu solchen Themen kann dadurch sehr stark kontextbezogen sein, so dass Experten einzelner Spezialgebiete, mit gemeinsamen Grundlagenwissen, evtl. nicht einfach die Bildung des Gegenübers ermessen können. Und ja, auch Koryphäen auf ihrem Gebiet müssen nicht unbedingt der Rhetorik so weit mächtig und in Sozialkompetenzen soweit gestärkt sein, dass man lediglich an ihrer Art der Präsentation eines Themas ihre Bildungsnähe erkennt.

Stephen Hawking mag als bildungsnah, Ronny-Marcel von gegenüber als bildungsfern angesehen werden. Aber vielleicht ist Ronny-Marcel Experte für die Biographie von Sido und hat sich seit seinem 14. Lebensjahr sehr intensiv mit BMX-Rädern auseinandergesetzt und dahingehend gebildet. Nur weil die paar Damen und Herren, die den Begriff "bildungsfern" erdacht haben, um sich von Menschen wie Ronny-Marcel abzugrenzen, die Französische Revolution, Wissen über die Bundestagspräsidenten und die Hauptsätze der Thermodynamik als bildungsnah, Eigenschaften von Chrommolybdän-Rahmen und Wissen über die besten Windsurfer des 20. Jahrhunderts als bildungsfern definieren, heißt dass ja nicht, dass diese Begriffe in erster Linie etwas mit Wissen, Intelligenz oder Zuordnung zu einer "Schicht" zu tun haben.

Die Verwendung von "bildungsfern" beschreibt daher für mich Familien, die im Augenblick nicht aus eigener Kraft, mit eigenen, selbsterarbeiteten Mitteln und mit den vorherherrschenden häuslichen Umständen ihren Nachkommen eine ausreichende Grundlage für eine gesunde, wohlbehütete frühkindliche Entwicklung, erfolgreiche schulische Laufbahn und berufliche Zukunft bieten können, so dass diese dies ebenfalls ihren Kindern bieten können und alle der Gesellschaft nützlich sind.
Somit kann sowohl ein langzeitarbeitsloses, verschuldetes und zerstrittenes Pärchen aus gelerntem Bankkaufmann und Dipl. Pädagogin in der renovierten Eigentumswohnung als bildungsfern, als auch ein schuldenfreies Ehepaar aus Kassiererin und Kraftfahrer in der 60m² Mietwohnung als bildungsnah  angesehen werden. Erstere können evtl. ihren Kindern mehr Wissen zu Hause vermitteln, Letztere bieten aber im Augenblick eine insgesamt bessere Grundlage für einen ungetrübten Werdegang des Nachwuchses.
Klar, dass das mit dem "bildungsfern" nicht SO gemeint war, denn:
Natürlich finden Erstere bald wieder eine Job, verdienen ganz viel Geld und fühlen sich als die Elite(!). Aber was sein könnte, darum geht es ja nicht, denn sonst wäre zu erwähnen, dass auch Ronny-Marcel BMX-Profi wird und seine 3 Kinder auf eine Privatschule schickt, damit sie nicht vom verzogenen Sproß der Nachbarn lernen, sondern nach seiner ganz eigenen, besseren Weltanschauung leben.


Jetzt kann ich endlich wieder ruhig schlafen.  ;)
Titel: Re: bildungsferne Schicht? ^^
Beitrag von: Tialys am 19 Oktober 2010, 14:36:07
Ich finde, dass es sehr schwer ist, auf die Frage "was muss man wissen um gebildet zu sein?" konkret zu antworten, da selbstverständlich jeder Bildung anders definiert. Ein Kunststudent wird unter Bildung im Zweifelsfall etwas anderes verstehen als jemand, der z.B. eine Ausbildung als Schifffahrtskaufmann gemacht hat, oder Steuerhinterzieher,äh, -Steuerfachangestellter ist, oder Bäcker oder oder.... ( Berufe komplett willkürlich gewählt)

Im Prinzip stimme ich aber den von colourize in seinem ersten Post aufgezählten Punkten zu. Ich halte solche Sachen (nicht exklusiv) für ausschlaggebend, um von einer Person als "gebildet" zu sprechen. Und gerade deshalb finde ich es wirklich erschreckend, wie desinteressiert teilweise selbst nach außen hin "gebildete" Personen an ihrer Umwelt (nicht im ökologischen Sinne ;)) sind.
 Ich merke das immer wieder an der Uni, wo man im Gespräch mit Studenten/Innen dann auf ein Thema kommt, das vorher über Wochen die Zeitungen etc beschäftigt hat und immer noch aktuell ist ( Ich glaube in meinem speziellen Fall ging es um ein Unglück wie die Überschwemmung in New Orleans 2005 oder so was...) und einige davon nicht gehört haben. Ich erwarte von niemanden, dass er/sie alles weiß über jegliches Geschehen in der Welt. Aber häufig haben die Leute noch nicht einmal im Geringsten etwas davon gehört, mit der Begründung "Weiß nicht, ich les halt nicht so viel Zeitung...", obwohl solche Sachen auch als Thema auf jeder blöden Seite wie gmx.de oder so stehen ;)  Und das sind dann Studenten, die in einer Vorlesung für internationale Außenwirtschaft sitzen.

Ich selber komme aus einer "gebildeten" Familie ;) D.h. gerade was meine Eltern angeht, waren Diskussion über politische, wirtschaftliche etc. Themen Alltag. Ebenso regelmäßiger Besuch von kulturellen Veranstaltungen. Ich habe daher auch schon festgestellt, dass ich oft einen relativ hohen Anspruch an andere Menschen hab was sowas angeht und schwer nachvollziehen kann, wie man sich dafür nicht interessieren kann :)

Erschreckend fand ich es einmal, als ich in der U-Bahn saß und Vokabeln ( Chinesisch..) gelernt hab. Um mich rum saß eine Schulklasse, grobe Einschätzung meinerseits: Abschlußklasse Hauptschule. Der Junge neben mir hat mich dann gefragt was das wäre, ich hab es ihm erklärt. Daraufhin hat er mich gefragt, ob ich das fürs Abitur machen würde. Für Ihn war das Abitur scheinbar so unrealistisch weit weg, dass er davon ausgegangen ist, dass im Abitur so "exotische" Fächer wie Chinesisch gelehrt werden müssten.

So, nun hab ich erfolgreich 15 Minuten meiner Arbeitszeit verplempert, keine Ahnung ob ich damit nun auf irgendwas geantwortet habe, was Kallisti gefragt/angeregt hat ;)
Titel: Re: bildungsferne Schicht? ^^
Beitrag von: Kallisti am 20 Oktober 2010, 00:08:51
Zitat
"bildungsfern" ist in erster Linie eine Kreation von "Experten" und solchen, die sich dafür halten, welche für sich selbst das Bild aufrecht erhalten wollen, dass sie fast ganz oben sind und da unten noch so ein paar Reste herumdümpeln, die es einfach nicht geschafft haben und auch in den nächsten Generationen nicht schaffen werden. Was auch immmer oben und unten ist.
(tyrannus)

So ähnlich klang das ja bei colourize auch. ;) (Siehe hier - ich weiß nicht, wie oft ich diese Sätze inzwischen schon zitiert hab - bestimmt mindestens drei Mal ;)

Zitat
"Bildungsfern" ist folglich ein Kampfbegriff der Mittelschicht, die für sich den Aufstiegsgedanken nicht aufgeben will, obwohl sie selbst immer mehr erkennt, dass das Gerede von "Jeder kann es hier schaffen, wenn er sich nur richtig anstrengt" zumindest in unserer heutigen spätkapitalistischen Welt ein Märchen ist. Ferner ist es eine rhetorische Figur der Oberschicht, die zwar selbst nicht auf Bildung angewiesen ist (ob deren Kinder nachher gebildet sind ist für das Weiterbestehen der Kapitaldynastie unerheblich), sondern den Wert der "Bildung" nur als zweites Bewertungsraster zur Sortierung ihrer Welt benötigt, damit das im Kapitalismus unangefochten wichtigste Raster, das Verfügen über Geld, nicht ganz so unanständig wirkt.
(colourize) )



Zitat
Andererseits fällt bei Themen, die einen interessieren im "gebildeten Smalltalk" sehr schnell auf, dass die Beteiligten (mich nicht ausgenommen) sich sehr leicht von tatsächlichem Wissen in Halbwahrheiten verrennen. Das ist fast immer so. In allen anderen Fällen wird bestenfalls das Thema gewechselt oder geschwiegen, wohl auch weil sich niemand traut mit seinen eigenen Halbwissen den Gesprächspartner in ein schlechtes Licht zu rücken. Und dann gibt es ja auch noch diejenigen, die tatsächlich gerade ein bisschen mehr in der Materie stecken, glauben der/die Allwissende der Runde zu sein und müssen dies direkt oder auch indirekt propagieren, bis ein Themenexperte einer höheren Evolutionsstufe auftaucht...  Lächelnd
(Bsp, Fachrichtungen abgeändert: Betont nerdiger, angehender Lehrer prahlt eloquent mit seiner Weisheit in physikalischen Themen, er hat ja gerade eine wichtige Klausur dazu hinter sich gebracht. Als er mitbekommt, dass eine Anwesende Dipl. Physikerin ist, ist er für den Rest des Abends sehr schweigsam.)
(tyrannus)

Das ist durchaus zutreffend. Das (mein) Problem ist aber einfach auch, dass man halt nun mal nicht "alles" wissen (und sich merken) kann. Leider.



Zitat
(...) so dass Experten einzelner Spezialgebiete, mit gemeinsamen Grundlagenwissen, evtl. nicht einfach die Bildung des Gegenübers ermessen können. Und ja, auch Koryphäen auf ihrem Gebiet müssen nicht unbedingt der Rhetorik so weit mächtig und in Sozialkompetenzen soweit gestärkt sein, dass man lediglich an ihrer Art der Präsentation eines Themas ihre Bildungsnähe erkennt.
(tyrannus)

Auch hier stimme ich dir zu. :)


Zitat
Die Verwendung von "bildungsfern" beschreibt daher für mich Familien, die im Augenblick nicht aus eigener Kraft, mit eigenen, selbsterarbeiteten Mitteln und mit den vorherherrschenden häuslichen Umständen ihren Nachkommen eine ausreichende Grundlage für eine gesunde, wohlbehütete frühkindliche Entwicklung, erfolgreiche schulische Laufbahn und berufliche Zukunft bieten können, so dass diese dies ebenfalls ihren Kindern bieten können und alle der Gesellschaft nützlich sind.
Somit kann sowohl ein langzeitarbeitsloses, verschuldetes und zerstrittenes Pärchen aus gelerntem Bankkaufmann und Dipl. Pädagogin in der renovierten Eigentumswohnung als bildungsfern, als auch ein schuldenfreies Ehepaar aus Kassiererin und Kraftfahrer in der 60m² Mietwohnung als bildungsnah  angesehen werden. Erstere können evtl. ihren Kindern mehr Wissen zu Hause vermitteln, Letztere bieten aber im Augenblick eine insgesamt bessere Grundlage für einen ungetrübten Werdegang des Nachwuchses.

Hier bin ich jedoch ganz anderer Ansicht - denn: Das ist einfach nur völlig zweckgebunden bzw. also Bildung zum Zweck der Existenzsicherung, des finanziell/wirtschaftlich möglichst "guten Lebens" - das vernachlässigt völlig Bildung als "Selbstzweck"/um der Bildung, des Wissens (von etwas) selbst willen.




Kallisti:


Allgemeinbildung war mal das, was früher auf Schulen und Hochschulen vermittelt wurde, bevor die Bildung immer mehr zu Gunsten der Ausbildung zurückgestellt wurde.
Eisbär - das sagt inhaltlich leider gar nix aus (über das was Allgemeinbildung "mal war"). =/



Zitat
Ich finde, dass es sehr schwer ist, auf die Frage "was muss man wissen um gebildet zu sein?" konkret zu antworten, da selbstverständlich jeder Bildung anders definiert. Ein Kunststudent wird unter Bildung im Zweifelsfall etwas anderes verstehen als jemand, der z.B. eine Ausbildung als Schifffahrtskaufmann gemacht hat, oder Steuerhinterzieher,äh, -Steuerfachangestellter ist, oder Bäcker oder oder.... ( Berufe komplett willkürlich gewählt)
(Tialys)


Naja, also ganz so ist es wohl doch (hoffentlich) nicht. ;)  Es gibt natürlich Fachwissen. Aber der Begriff (Allgemein-) Bildung suggeriert doch etwas, das darüber hinausgeht bzw. allem Fachwissen zu Grunde liegen bzw. zu diesem hinzukommen sollte - und eben über den Tellerrand (des jeweils eigenen (notwendigen) Berufswissens) hinausgeht.

?




Und colourize´ (oder muss da n "s" hin - colourizes ? - das klingt aber nich  ;D ) Liste möchte ich noch ergänzen um

- Gesundheits- und (als Unterpunkt) Ernährungsbewusstsein (mit entsprechend gelebter Praxis)

evtl. auch noch

- ökologisches "Bewusstsein" (ebenfalls mit entsprechendem Verhalten)

... vielleicht fällt das ja aber wieder zu sehr unter political correctness und ist daher doch eher auffällig bildungsschichtfern! ?


Ganz bestimmt muss aber noch

- Mehrsprachigkeit

auf die Liste!



 
Titel: Re: bildungsferne Schicht? ^^
Beitrag von: Kallisti am 20 Oktober 2010, 11:02:10
Zitat
Das ist einfach nur völlig zweckgebunden bzw. also Bildung zum Zweck der Existenzsicherung, des finanziell/wirtschaftlich möglichst "guten Lebens" - das vernachlässigt völlig Bildung als "Selbstzweck"/um der Bildung, des Wissens (von etwas) selbst willen.
(Kallisti)


Also das is auch Blödsinn.  :-\  Gibt´s das überhaupt: Bildung bzw. Wissen (-Ansammeln) als Selbstzweck? Nee. Entweder man will was wissen, um mitreden zu können, um nicht verschaukelt werden zu können, um sich zu profilieren, andere zu beeindrucken, dazugehören zu dürfen, um bestimmte Dinge/Tätigkeiten ausführen zu können - also letztlich dient das meiste davon dann eben doch der "Existenzsicherung" (dem Überleben).


Noch was zur Liste: Wie verhält es sich mit Etikette (bspw. Tischmanieren ...)? - Muss meiner Meinung nach auch unbedingt noch drauf.  ;D
Titel: Re: bildungsferne Schicht? ^^
Beitrag von: tyrannus am 20 Oktober 2010, 12:53:39
Zitat
Die Verwendung von "bildungsfern" beschreibt daher für mich Familien, die im Augenblick nicht aus eigener Kraft, mit eigenen, selbsterarbeiteten Mitteln und mit den vorherherrschenden häuslichen Umständen ihren Nachkommen eine ausreichende Grundlage für eine gesunde, wohlbehütete frühkindliche Entwicklung, erfolgreiche schulische Laufbahn und berufliche Zukunft bieten können, so dass diese dies ebenfalls ihren Kindern bieten können und alle der Gesellschaft nützlich sind.
Somit kann sowohl ein langzeitarbeitsloses, verschuldetes und zerstrittenes Pärchen aus gelerntem Bankkaufmann und Dipl. Pädagogin in der renovierten Eigentumswohnung als bildungsfern, als auch ein schuldenfreies Ehepaar aus Kassiererin und Kraftfahrer in der 60m² Mietwohnung als bildungsnah  angesehen werden. Erstere können evtl. ihren Kindern mehr Wissen zu Hause vermitteln, Letztere bieten aber im Augenblick eine insgesamt bessere Grundlage für einen ungetrübten Werdegang des Nachwuchses.

Hier bin ich jedoch ganz anderer Ansicht - denn: Das ist einfach nur völlig zweckgebunden bzw. also Bildung zum Zweck der Existenzsicherung, des finanziell/wirtschaftlich möglichst "guten Lebens" - das vernachlässigt völlig Bildung als "Selbstzweck"/um der Bildung, des Wissens (von etwas) selbst willen.

Es entspricht aber der Betrachtungsweise, die hier als Aufhänger und eben auch in der benannten Sendung angesprochen wurde und im Kontext zu der aktuellen Migrationshysterie aufgezeigt wird.

Meine Interpretation der Äußerungen v. Hr. Seehofer & Co:
Ganz viele schlimme Migranten wandern wahllos nach Deutschland ein und liegen mit ihrer Bildungsferne dem Staat auf der Tasche, eben weil sie, auf Grund fehlender Bildung und den daraus resultierenden schlechten Voraussetzungen, nicht selbst zur Sicherung ihrer Existenz unter den Bedingungen der deutschen Gesellschaft in der Lage sind.

Meine Interpretation der relativierenden Nachschüsse:
Man möchte ja im Prinzip Migranten, weil nur so der Fachkräftemangel in Deutschland überwunden werden kann. Aha, Migranten als Fachkräft. Man erwartet also nach Möglichkeit junge, gut ausgebildete Personen, Menschen, die auf der einene Seite der Wirtschaft nützen, weil sie diese Arbeitskräfte benötigt, auf der anderen Seite die Staatskasse nicht belasten, da sie in der Lage sind ihre Existenz selbstständig zu sichern. Alle anderen sind dennoch unerwünscht.


In diesem Kontext, "Sozialleistungen, Migration, Ungelernte, Fachkräftemangel, soziale Schichten" und nur in diesem Kontext findet der Begriff aktuell Verwendung, ist Bildungsferne/Bildungsnähe also eindeutig zweckgebunden. Wenn ich mir das Verschwinden der "alten" Hochschulabschlüsse ansehe, ist diese Zweckgebundenheit auch ganz klar in den Bachelorstudiengängen zu erkennen. Ausbildung findet in den meisten Bereichen gezielt für die Bedürfnisse der Wirtschaft statt und nicht für den Selbstzweck der Bildung an sich. Für einen deutschen Ureinwohner mag der Begriff "bildungsfern" bereits entfallen, wenn er sich verständlich artikulieren kann, eine (noch so einfache) Ausbildung abgeschloßen hat und einer regelmäßigen bezahlten Tätigkeit nachgeht, er fällt also nicht unangenehm auf. Bezogen auf einige Gruppen von Migranten sind allerdings häufiger ein bis zwei dieser Kriterien ein fast unüberwindbares Hindernis, so dass sie eben auffallen und Angriffsfläche bieten ihnen die Plakette "bildungsfern" aufzdrücken.


Der Mangel an zu "La traviata" lustwandelnde Menschen in gemäldebestückten Kreuzgewölben, auf dem Weg zum philosophischen Nachmittag im Olivenhain ist eine völlig andere Diskussion.
Titel: Re: bildungsferne Schicht? ^^
Beitrag von: Eisbär am 20 Oktober 2010, 14:21:47
Also das is auch Blödsinn.  :-\  Gibt´s das überhaupt: Bildung bzw. Wissen (-Ansammeln) als Selbstzweck? Nee.
Doch! Nennt sich Neugier und ist in vielen Menschen angelegt!