Schwarzes Hamburg > Politik und Gesellschaft
Ukraine
BaerndME:
Aus amerikanischer Sicht noch eine taktische Analyse der Situation, die ich erstmal glaubwürdig finde.
--- Zitat von: Black Russian am 03 März 2022, 18:46:07 ---
--- Zitat von: BaerndME am 03 März 2022, 10:23:34 ---Auch Putin wäre, während seiner 1. Amtszeit, eine Chance für Russland gewesen, wäre der Westen nicht so arrogant mit ihm umgegangen.
--- Ende Zitat ---
Jemand, der Mitarbeiter von KGB und Stasi war, kann nie eine richtige Chance sein.
Während seiner 1. Amtszeit hat er einige Verbrechen in Tcchedtschenien begonnen
--- Ende Zitat ---
Um Oligarchen und korrupten Beamten die Köpfe abzuschneiden, brauchst du, politisch gesehen, schon eine Person mit "Eiern".
Nachdem ich noch ein bisschen gelesen habe, sollte die Person mit Eiern dann aber doch eher aussehen wie Selenskyj, nicht wie Putin, da Selenskyj offensichtlich in der kurzen Zeit, die er hatte, schon effektiver war als Putin.
Nach außen sah es so aus, als hätte Putin mal das Potenzial gehabt, mit starker Hand etwas in seinem Land zu verändern, rückwirkend betrachtet ist es wohl eher das Potenzial, die Scheiße zu konservieren.
colourize:
Diesen "Putin ist wie Hitler, nur in komplett durchgeknallt"-Diskurs halte ich für wenig hilfreich. Ich glaube nicht, dass der Ukraine-Krieg vollständig auf das Konto eines verrückt gewordenen Psychopathen geht, den man nur "ausschalten" muss und dann ist der Spuk wieder vorbei. Ich verstehe sehr gut, dass diese Theorie eines "durchgeknallten Einzeltäters" in gewisser Weise vielen Menschen hilft, psychisch mit diesem häßlichen Gefühl des Kontrollverlust umzugehen: so bleibt die Ursache des Konfliktes mit nur einer Person vergleichsweise klein und bekämpfbar.
Das ist aber ziemlich sicher Selbstbetrug. Es könnte ja sein, dass (auch wenn die Regierungen NATO-Staaten das nicht so wahrhaben wollen) hinter der Invasion in der Ukraine ziemlich berechnendes Kalkül steckt (also das genaue Gegenteil von "Wahnsinn"), und die Operation gerade einfach nur etwas länger dauert, als Russland sich das ideal vorgestellt hat. Das ändert aber nichts daran, dass die Ukraine militärisch nicht gewinnen kann und mit jedem Tag, den der Krieg dort weitergeht, die Zerstörungen größer werden und mehr Menschen sterben.
Diese Sicht der Dinge kommt vollkommen ohne das Konstrukt aus, dass Putin "verrückt geworden" ist. Selbst wenn er morgen spontan sterben würde, wäre die russische Invasion in der Ukraine wohl kaum vorbei. Alles deutet darauf hin, dass die russische Regierung die Ukraine-Mission vollständig mitträgt und Putin eben NICHT alleine entscheidet.
Sehr erhellend ist in diesem Zusammenhang ein Interview mit Prof. Burkhard Meißner vom German Institute for Defence and Strategic Studies im Hamburger Abendblatt. Leider nur für Abonnenten lesbar, daher ein Zitat:
--- Zitat ---Frage: Handelt Putin denn überhaupt noch rational – oder ist seine Wahrnehmung gestört oder ist er gar einer Art Wahn verfallen, wie manche fürchten?
Antwort: Diese Annahme setzt ja voraus, dass Putin wirklich über alles ganz allein entscheidet. Das tut er aber nicht. Er braucht schon die Zustimmung seiner Berater im Sicherheitsrat und anderer Leute, um seine Vorhaben überhaupt umsetzen zu können. Dass das auch beachtet wird, konnte man sehen, als er den Generalstabschef und auch den Verteidigungsminister eher unspezifisch beauftragt hat, eine höhere Alarmbereitschaft der strategischen Abschreckungswaffen herzustellen. Am nächsten Tag hat der Verteidigungsminister dann Vollzug gemeldet – und zwar detailliert. Er hat genau mitgeteilt, welche drei Systeme er um einen Grad der Bereitschaft erhöht hat: die U-Boot-gestützten und die landgestützten Interkontinentalraketen und dazu die Flugzeuge der Fernfliegerkräfte. Das zeigt, dass Putin nicht allein alles unter Kontrolle hat und auch nicht allein im Detail entscheidet. Putin gibt Befehle, und die Leute haben dann gewisse Freiheiten, wie sie diese umsetzen.
--- Ende Zitat ---
Jack_N:
Was man aber eben nicht vergessen darf ist, dass er einen Kader aus "Ja-Sagern" um sich geschart hat. Die Probleme ausbaden müssen die weiter unten in der Befehlskette.
Bestes Beispiel: Die Invasion ansich. Von dem, was ich bisher aus diversen Quellen zusammenpuzzlen konnte, gab es wohl im Vorfeld Planspiele des FSB, wie eine Invasion der Ukraine aussehen könnte. Keines von diesen war realistisch, keines wurde zuendegedacht, es waren eben genau das - Planspiele, stragegische Überlegungen.
Offenbar wurde eines von diesen Szenarios aber Putin präsentiert, und der sagte "so machen wirs" und hat die entsprechenden Befehle rausgehauen, die alles in Gang setzen. Falls eine Korrektur nach oben gemeldet wurde, dass das kein realistisches Szenario war, dann ist diese nie durchgemeldet worden - ob aus Furcht oder an welcher Ebene diese Furcht einsetzte, kann man nur spekulieren.
Im Endeffekt sind jetzt haufenweise Truppen mit zuwenig Sprit und zuwenig Essen in ein Gebiet gefahren, welches sie absolut nicht mit offenen Armen empfangen hat. Das Resultat sind bis jetzt über 10.000 tote russische Soldaten. Dank der stark gestörten Befehlskette und unzureichenden technischen Ausstattung ist eine effektive Befehligung im Feld nicht möglich, es wird jeden Tag weiter Material und Menschenleben sinnlos verheizt. Davon hat Russland allerdings eine ganze Menge. Nachschub können sie aber nur per Bahn ranschaffen, einen Nachschubweg über Straßen kennen sie nicht, kommt in ihren Plänen nicht vor (wer die Weite Russlands kennt weiss auch warum). Und: Ihnen fehlt auch das Benzin dafür.
Wenn Russland das Ganze gewinnt, dann als reine Materialschlacht.
Nachdem Anonymous heute aber Wink, ivi, Russia 24, Channel One und Moscow 24 gehackt hat und live Videos vom Ukrainekrieg darüber gesendet hat könnte sich innenpolitisch neuer Druck formieren. Selbst den letzten dürfte jetzt klar sein, dass am Regierungs-Narrativ irgendwas nicht stimmt.
Aber klar, die Putin-Hardliner gibts auch noch. Ivan Kuliak z.B., der sich als schlechter Verlierer auf dem Podium neben dem ukrainischen Gewinner bei den Turn-Weltmeisterschaften ein "Z" auf seinen Anzug geklebt hat. Dafür darf er jetzt erstmal ne längere Weile aussetzen.
schwarze Katze:
Das Problem sind auch unzählige einfache Russen, die nur TV schauen und immer noch für Putin sind.
Es sind ungefähr 60%.
Und solange sie nicht die Folgen merken, werden sie auch weiter für Putin sein.
Aber nur solange.
Geht es ihnen richtig schlecht, so wie es Ende 80-er war, werden sie anfangen zu denken (im besten Fall) oder mindestens sauer auf Putin werden.
Es gibt in jetziger Russland keine Ideologie, die sie alle zusammenhält so wie es in Dritten Reich oder bei Stalin war. Sie sind für Putin, weil er sie füttert.
In Grunde genommen käuflich wie eine Bordsteinschwalbe. Ist Geld nicht da - sind sie weg
Und mehrere Millionen Arbeiter und Angestellte, die auf die Straße gehen, weil sie einfach plötzlich arm wie die Kirchenmäuse sind, sind viel gefährlicher für die Regime als ein Paar Tausend Intellektuellen, die jetzt demonstrieren.
P.S.
Da die Soldaten und einfache Polizisten auch hauptsächlich Kinder von Arbeiter sind, werden sie wahrscheinlich auch nicht auf die schießen, wenn es einen Massenaufstand gibt. Aber nur dann.
Die ein Paar Tausend, die jetzt auf die Straße gegangen sind, sind natürlich Helden, ändern können sie gar nichts
nightnurse:
--- Zitat von: Jack_N am 07 März 2022, 15:17:45 --- Selbst den letzten dürfte jetzt klar sein, dass am Regierungs-Narrativ irgendwas nicht stimmt.
--- Ende Zitat ---
Meinste? Es soll Leute gegeben haben, die noch im Frühjahr 45 wirklich an den Endsieg™ geglaubt haben. Dem Gegner einfach nichts mehr zu glauben, einfach, weil es der Gegner ist, ist keine neue Erfindung.
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